Integration der Jahara® Methode in meine täglichen Arbeit mit
schwerstbehinderten Menschen
Kerstin Rauch
Ich arbeite in einer Gruppe mit 7 schwerstbehinderten
erwachsenen Menschen. Da ich zunächst keine Möglichkeit besaß, im
körperwarmen Wasser zu arbeiten, machte ich mir Gedanken darüber, wie
ich die Jahara® Methode auch an Land in meine Arbeit integrieren kann..
Ich begann damit, die Zero-Gravity-Position zur Lagerung bei
Entspannungsübungen einzusetzen und konnte zu meinem Erstaunen eine
sofortige entspannende Wirkung feststellen, v.a. bei Personen mit
zerebralen Bewegungsstörungen vom spastischen Typ, und sogar bei
Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Hiervon beeindruckt, begann ich, die 5 Konzepte der Jahara®
Methode auch in meine "Landarbeit" einfließen zu lassen. Ich bemühte
ich mich um ein bewusst wertungsfreies Aufnehmen der einzelnen
Persönlichkeiten, so wie es uns das Wasser beim Jahara eindrucksvoll
demonstriert.
Ich hatte einen neuen Ansatz für meine tägliche Arbeit
gefunden: Sich auf den anderen einstellen. Auf ihn neugierig sein.
Probieren, was möglich ist. Was nicht funktioniert, verwerfen. Was sich
gut anfühlt, ausbauen. Die wenigen Momente, in denen wir uns im
Gleichgewicht befinden, und völlig eins mit uns und der Umwelt sind,
genießen! Unterstützung und Halt geben, ohne einzuengen. Dem
behinderten Menschen Raum geben, er selbst zu sein (Selbstbestimmung).
Und damit die Möglichkeit, sich zu entfalten. Auf die Signale des
Körpers achten und diesen entscheiden lassen, was gut für ihn ist.
Vertrauen in die eigene Kraft geben (Assistenz). Und, was für mich auch
eine wichtige Erkenntnis war - es darf mir als "Helfer" dabei gut
gehen, Arbeit darf sich mühelos anfühlen, ich muss mich nicht aufopfern.
Ansätze für die Wasserarbeit mit behinderten Menschen
Aus den Erfahrungen, die ich bei meiner Land- und Wasserarbeit
mit den schwerstbehinderten Menschen aus meiner Gruppe sammelte,
ergaben sich folgende Ansätze, Ideen und Überlegungen:
Die
Zero-Gravity-Position (ZGP) ist eine gute (Vor)Übung für
die Wasserarbeit. Allein das regelmäßige Lagern in dieser entspannten
Position kann sich positiv auswirken auf die Körperhaltung, den
Muskeltonus und die emotionale Stabilität. Außerdem stellt sie dann bei
der Wassergewöhnung eine bekannte Komponente dar, die Sicherheit
vermittelt.
Die Dreipunkthaltung des Kopfes (TCS)
ist zu Beginn der Wasserarbeit oft schwierig, da der Kopf v.a. bei
spastischen Veränderungen der Muskulatur entweder die Tendenz zur
Überstreckung hat oder nach vorn weg rutschen kann bzw. beides im
Wechsel geschieht.

Kopfhaltung zu Beginn der Wasserarbeit
- Eine Unterstützung des Schulterblattes mit der Beinhand
gibt zusätzliche Sicherheit, bis die Kopfhaltung nach schon wenigen
Sessions sicherer geworden ist.

Kopfhaltung in der 4.Session
- Beim Pit Stop kann ich den
Kopf mit beiden Händen sicher halten und v.a. die Überstreckung
ausgleichen.
- Ein Seitenwechsel ist zunächst nicht sinnvoll, da hier der
Kopf nicht
genügend unterstützt werden kann. Ich begann erst in der 4.Session mit
einem Hand On Shoulder Side Change, da
ich hierbei zusätzliche Unterstützung an der Schulter geben konnte.
Die Noodle ( TA )
wird von
einigen behinderten Menschen zunächst als Fremdkörper empfunden und
abgelehnt.
- Manchmal gelingt es, den behinderten Menschen durch die
Einbeziehung der Noodle in Wasserspiele daran zu gewöhnen.
- Wenn dies nicht der Fall war, nehme ich die Person zunächst
ohne Noodle auf
und probiere, ob ich den TA später (während der Session oder bei einer
späteren Session) einbeziehen kann.
- Eine gute Möglichkeit, den behinderten Menschen ohne Noodle
aufzunehmen, ist das Aufnehmen im
Offenen Sattel von der Wand. Dies ermöglicht außerdem
einen besseren Blickkontakt und eine bessere Kontrolle über die Haltung
des Kopfes.


Aufnehmen von der Wand
Die Rückenlage im Wasser erfordert
eine Menge Vertrauen und
wird von unsicheren Menschen oft abgelehnt. In diesem Falle beginne ich
ebenfalls mit dem "Offenen Sattel".
Der behinderte Mensch kann seine sitzende Körperhaltung von
der Wand beibehalten und so vorsichtig an das Bewegen im Wasser gewöhnt
werden, z.B. durch sanftes Schaukeln mit Hilfe des Ein- und Ausatmens.
Eine
Begleitung der Schaukelbewegung durch Singen oder Summen kann das
Vertrauen weiter aufbauen.

Bei behinderten Menschen ist das
Durchführen längerer
Sessions oft nicht möglich, daher führe ich kürzere Sequenzen
abwechselnd mit spielerischen Elementen durch, abgestimmt auf die
Bedürfnisse des Einzelnen. Schon 5min TCS können für einen
schwerstbehinderten Menschen ein großer Fortschritt sein. Da
traumatische Erlebnisse oft unverarbeitet und im Körper gespeichert
sind, besteht die Möglichkeit, dass diese bei einer längeren Session an
die Oberfläche kommen. Um eine Retraumatisierung zu vermeiden, achte
ich auf feinste körperliche Signale und gebe auch einem schwachen
Impuls nach, die einzelne Sequenz zu beenden.
Beispiel für den Aufbau einer Jahara® Session
mit einem schwerstbehindertem jungen Mann
,(Behinderungsbild:
Imbezillität infolge frühkindlicher Hirnschädigung, zerebrale
Bewegungsstörungen vom spastischen Typ mit Atheose, Ataxie sowie
motorischer Alalie)
- 10min spielerische Wassergewöhnung:
Gehen im Wasser, Spiele mit der Noodle, individuelle Übungen im Stehen
am Beckenrand, Eingehen auf Wünsche
- 5min aktive Übungen am
Beckenrand: Position1 an der Poolwand (Aufbauen der Körperhaltung wie
bei ZGP), Druck auf Füße geben, Rücken an die Wand bringen, Vertikaler
TCS, Schultern, Nacken und Arme dehnen
- 5min Offener Sattel:
Aufnehmen von der Wand, sanfte Schaukelbewegungen im halben Stand,
1-2-3 Kreis
- 5min
spielerische Elemente:
auf Wünsche eingehen
- 5-10min TCS: 1-2-3-4
Kreis,
Hängematte, Pit Stop, Falten
- 5min aktive Übungen am Beckenrand:
Wiederholung Position1


Position 1 zu Beginn der Wasserarbeit
Position 1 nach der 4. Session
- 5min spielerische Elemente:
auf Wünsche eingehen
- 5min Treppenarbeit:
Dehnung
von Nacken und Schultern, Rücken und Becken


Treppenarbeit am Whirlpool
- 10min spielerische Elemente zum Abschluss
der
Session: auf Wünsche eingehen
Zum Abschluss möchte ich noch darauf hinweisen, wie
wichtig es
ist, von Anfang an auch das betreuende Personal der Menschen mit
Behinderung einzubeziehen und aufzuklären. Die Jahara® Arbeit ist für
Menschen, die sie noch nie selbst erfahren haben, oft nur schwer
nachzuvollziehen. Außerdem erfordert die Integration der Wasserarbeit
in den geregelten Tagesablauf einer Tagesförderstätte oder eines
Wohnheims eine Veränderung von bestehenden Strukturen und kann zunächst
einmal mit Unruhe und damit auch mit zusätzlichem Aufwand für das
betreuende Personal verbunden sein. Zumal auch bei der Jahara® Methode
eine Erstverschlimmerung von Symptomen nicht ausgeschlossen werden kann.
Daher ist es ratsam, dass jeder, der mit der Wasserarbeit
beginnen möchte, im Vorfeld intensivste Aufklärungsarbeit auf allen
Ebenen betreibt. Ausführliche Gespräche mit den gesetzlichen Betreuern,
dem betreuenden Personal und der Leitung des Wohnheims können
rechtzeitig helfen, Missverständnisse und Ablehnung zu vermeiden. Eine
Einverständniserklärung bei der gesetzlichen Betreuung und eine
Abklärung mit dem zuständigen Arzt sollten zum Qualitätsstandard jeder
Einrichtung gehören. Gerade Menschen mit Behinderung können so vor
eventuell entstehenden Konflikten und vor emotionaler Instabilität
geschützt werden. Nur dann ist es möglich, diesen Menschen mit Hilfe
der Jahara® Methode ein neues Gefühl von Geborgenheit und
Angenommensein zu vermitteln.